In sieben Tagen um den höchsten Berg Österreichs, den GROSSGLOCKNER

Glocknerrunde Im internationalen Jahr der Berge 2002 entstand die Idee, einen Rundwanderweg um Österreichs höchsten Berg ins Leben zu rufen. Der Nationalpark Hohe Tauern bot auf seinen 1800 km2 bereits ein über Jahrzehnte gewachsenes hervorragendes Netz aus Wegen, Steigen und Schutzhütten. Es musste also nur eine Runde zusammengestellt und eine entsprechende Marke geschaffen werden. „Die Glocknerrunde" war geboren. Und die hat es in sich. Zum einen bietet sie die Möglichkeit, an jedem Ort am Fuße des Großglockners einzusteigen, zum anderen kann der Wanderer über die Sommermonate täglich eine bewirtschaftete Schutzhütte erreichen. Alle Etappen sind gletscherfrei, führen über bestehende Wege und erfordern keine Kletterausrüstung. Zeit also für „Rock around the Glockner"! DER AUFTAKT bergtouren tirol Der Auftakt erfolgt am Parkplatz am Fuße der Gletscherbahnen Kaprun. Von dort erreicht man schnell das Kesselfall-Alpenhaus und mit Shuttlebus und Schrägaufzug den Stausee Mooserboden. Es ist 16 Uhr, als ich an der Dammkrone stehe - zu spät für den Marsch zur Rudolfshütte (5-6 Stunden). Die Vernunft gebietet nach einer alternativen Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Daher der kurzfristige Entschluss zum Heinrich-Schwaiger-Haus aufzusteigen. Die Hütte am Fuße des Großen Wiesbachhorns zählt nicht zu den üblicherweise angeführten Unterkünften der Wanderung. Der große Vorteil der Glocknerrunde ist jedoch, dass sich immer wieder, auch kurzfristig, Varianten bieten, sodass jeder eine Route ganz nach seinem Geschmack zusammenstellen kann. Beim Aufstieg zeigt die Hitze des Tages allerdings ihr zweites Gesicht. Nahes Donnergrollen wird zum unwillkommenen Begleiter und der Weg zur Hütte zu einem Wettlauf mit der Zeit, der nur knapp gewonnen wird. Kaum ist die Hüttentür geschlossen, fallen die ersten Regentropfen. Oben auf 2800 m ist es somit nicht nur kühl, sondern auch feucht. Ein zarter, alles durchdringender kalter Hauch wiegt einen in den Schlaf und verlangt nach einem warmen Schlafsack und Haube. Am nächsten Morgen dann das gleiche Bild. Graue Wolken hängen über dem Mooserboden Speicher und stauen sich an den schroffen Hängen. Ab nun bleibt veritabler Nieselregen unser hartnäckiger Begleiter bis hinunter zum Speicher Mooserboden. WASSERMUSIK & HARDROCK Am Fuße der Staumauer bleibt es dem persönlichen Geschmack überlassen, ob man den nördlichen Weg über den Sedlgrat wählt oder den direkt am Ufer entlangführenden Weg. Beide treffen sich letztendlich beim Anstieg zum Kapruner Törl. Das Wasser ist dabei ein treuer Begleiter. Gemeint ist damit nicht allein der immer noch hartnäckig anhaltende Regen, sondern auch das sanfte Murmeln der zahllosen Bäche und Wasserfälle, die wie ein zartes Gespinst die Hänge am Wegesrand umspannen. Einem dieser Bäche folgt der Steig zum Törl. Erst durch sattes Grün, weiter oben zunehmend durch Geröll. Der Übergang selbst erweist sich als enge Lücke im Gestein. Späht man aber durch sie hindurch weitet sich der Blick nach Westen über die Almmatten bis zu den Eisflächen des Sonnblicks. Der Weg hinunter zum Tauernmoossee nimmt quasi einen sanften Anlauf über die blühenden Wiesen, um zunehmend eine härtere Gangart einzuschlagen. Bald befindet man sich in steilem Geröll, das sich einem steinernen Katarakt gleich hinunterstürzt, um schließlich am Fuße des Rifflkees zu verebben. Die schottrige Gischt wandelt sich dabei schnell zu trägen Wogen aus schweren Gesteinsblöcken, und das Tänzeln über das Blockwerk endet erst an der hinteren Ochsenflecke. Der aus dem Rifflkees hervorsprudelnde Gletscherbach nimmt sich hier noch eine kurze Auszeit und mäandert großzügig durch die wieder ergrünte Landschaft, ehe er sich dem Tauernmoossee entgegenstürzt. Der Wanderer tut es ihm gleich, jedoch etwas gemächlicher. Der Weg verbirgt sich dabei manchmal im hohen feuchten Gras, bietet dabei auch nassen Steinen und feuchtem Erdreich Unterschlupf und fordert somit ein konzentriertes Hinabsteigen. Am Stausee angelangt, muss man sich wieder entscheiden. Entweder man nimmt den kurzen Weg über die so genannte „Steinerne Stiege" hinauf zu Rudolfshütte oder den Umweg über den vorderen Schafbichl. Die „Steinerne Stiege" erfordert bei der Steilstufe kurz vor der Hütte etwas Trittsicherheit und die Überwindung einer kleinen Eisenleiter, ehe man den Weißsee erreicht. „ALL INCLUSIVE" Leichter haben es da die Gäste der Rudolfshütte, die auf die Dienste der Weißseebahn vertrauten. Die Hütte selbst hat mittlerweile einen Charakterwandel erfahren. Was ehemals als großzügiges Ausbildungszentrum des Alpenvereins gedacht war, ist nun in privater Hand und will profitabel geführt werden. Dies scheint, nicht zuletzt dank günstiger Allinclusive-Angebote und gehobenen Komforts, auch zu gelingen. Auf der Glocknerrunde führt an der Rudolfshütte jedenfalls kein Weg vorbei, da die folgende Tagesetappe zu lang ist, um mit der vorangegangenen zusammengelegt zu werden. Einzige Alternative: Start in Uttendorf bzw. vom Enzingerboden früh am morgen. BETTFLUCHT Möglichst früh mit der ersten Sonnenstrahlen zu starten, wird auf der Tour bald zur lieben Routine. Der Grund? Das Wetter! Die ausgedehnte Schönwetterperiode neigt sich ihrem vorläufigen Ende zu und zwingt zu einer großzügigen Etappenplanung. Für den Tag von der Rudolfshütte zur Sudetendeutschen Hütte werden 6 Stunden reine Gehzeit veranschlagt, die Schlechtwetterfront ist für den frühen Nachmittag versprochen. Es gilt also, möglichst mit den ersten Sonnenstrahlen aufzubrechen, um einen gewissen Spielraum zu haben. Nebel beginnt immer frecher hervorzublinzeln. Entlang des gesamten Weges vom Tauernbrünnl über den Silesia Höhenweg und Muntanitz Trog bis zum Gradötzsattel lässt er sich an den Hängen treiben, hüllt bald die Landschaft völlig ein, gleitet sanft ins Tal, freilich nur um neuen Anlauf zu nehmen und sich wieder bis zu den Felsgraten hochzuschwingen. An diesem Tag ist es nur der Nebel, der Teile des Kaiser Dorfertales den Blicken entzieht. Der Spielverderber verabschiedet sich, als ich den Sattel erreiche, und lässt dem nun einsetzenden Regen den Vortritt. Zum Glück ist der Abstieg zur Sudetendeutschen Hütte über das Gradötzkees in weniger als einer Stunde geschafft. Während sich die himmlischen Fluten zum ausgewachsenen Unwetter entwickeln, bietet die Hütte ein gemütliches Refugium. Muss in der Gaststube noch der Kachelofen für Wärme und Gemüt-lichkeit sorgen, übernimmt am nächsten Morgen wieder die Sonne diese Aufgabe. Einer Fortsetzung der Wanderung bei strahlendem Wetter steht somit nichts im Wege. BLAUES BLUT Von der Sudetendeutschen Hütte führt der gleichnamige Höhenweg, teils mit Drahtseilen gesichert, über die Dürrenfeldscharte zum Hohen Tor. Die Schlucht und die Steilrinne, die es dabei zu queren gilt, warten übrigens nicht selten mit Grüßen aus der Winterzeit auf. Alt-Schneefelder legen sich bis in den Hochsommer dem Wanderer in den Weg. Lohn der Mühe ist nach etwa 4 Stunden Kals am Großglockner. Hier kann man den Versuchungen der Gastronomie und Beherbergungsbetriebe erliegen oder nach entsprechender Rast die nächste Etappe in Angriff nehmen, den Aufstieg zur Glorer Hütte. Man kann sich auch für die Salmhütte an den Ausläufern des Schwerteck entscheiden, denn zwischen den beiden Hütten liegen nur 11/2 Stunden Marsch und ein kleiner Abstieg hinunter ins Leitertal, der erhöhte Trittsicherheit erfordert. Der sympathisch schlichte Charakter der Salmhütte mit ihren schiefergrauen Natursteinmauern steht übrigens ganz im Gegensatz zu ihrer historischen Bedeutung, ist sie doch die älteste hochalpine Schutzhütte der Ostalpen. Um 1799 ließ der „Bischof von Gurk" Franz Xaver von Salm-Reifferscheid die erste Hütte, damals noch aus Holz, zum Zwecke der Erstbesteigung des Großglockners errichten. Ein Vorhaben, das 1800 unter seiner Leitung schließlich auch gelang. Die Sehnsucht dem höchsten Gipfel seines Reiches möglichst nahe zu kommen verspürte auch der letzte Monarch Österreichs, Kaiser Franz Josef. Er schaffte es, bis zu der nun ihm zu Ehren benannten Anhöhe am Fuße der Pasterze. Dass einmal zigtausende Besucher im Jahr die Räume seiner Residenz Schönbrunn heimsuchen werden, hätte sich der alte Kaiser wohl nicht träumen lassen. Ebenso wenig, dass noch mehr davon jährlich seinen Spuren auf die Franz-Josef-Höhe folgen. Kein Wunder, bietet sich doch von hier aus ein beeindruckender Blick auf Gletscher und Gipfel. EISBLUMEN Um in den Trubel rund um Glocknerhaus und Franz-Josef-Höhe zu gelangen, reichen von der Salmhütte 3 Stunden Abstieg über den Wiener Höhenweg und die Stockerscharte. Beim Blick auf die Gletscherzunge fällt freilich auch der stetig voranschreitende Rückgang des ewigen Eises auf. An den felsigen Flanken des Gletscherschliffs ist zu erkennen, wie weit das Eis noch zu Zeiten des kaiserlichen Besuchs vor 130 Jahren reichte. Die Pasterze verdämmert wie die Monarchie, und damals wollte auch niemand an den Untergang glauben. Man scheint sich an das Gletschersterben ebenso zu gewöhnen wie an die generelle Tatsache des offensichtlich stattfindenden Klimawandels. Dem gar nicht mehr „ewigen Eis" macht neben der Hitze vor allem auch der mangelnde sommerliche Niederschlag zu schaffen. Immer mehr der eisigen Haut taut ab, und statt Schnee fällt Regen und zehrt weiter an der Substanz. Was in den Sommermonaten „verschwitzt" wird, lässt sich das übrige Jahr nicht mehr aufholen. So mutet das Gedränge auf der Franz-Josef-Höhe fast ein wenig melancholisch an, getreu dem Motto „Gemma Pasterzen schaun, solangs den Gletscher no gibt." Für mich lautet das Motto des Tages jedoch „Gemma Weg schaun". Es bleibt noch genügend Zeit für die nächste Etappe über die Untere Pfandlscharte zur Trauneralm und schließlich nach Fusch. Also wird die Glocknerstraße beim Naßfeld-Stausee gequert, um zuerst dem Weg am westlichen Ufer zu folgen, ehe der Anstieg zur Scharte beginnt. Dabei verliere ich den Steig im dichten Gras ein wenig aus den Augen und beschließe dem herabstürzenden Bach zu folgen, der das südliche Pfandlschartenkees entwässert. Funktioniert, ist aber teilweise mühsam, wie es halt so ist wenn man vom rechten Weg abkommt. Generell ist die Glocknerrunde aber sehr gut beschildert und die typischen gelben Schilder, die dem Wanderer die Richtung weisen, sind nicht zu übersehen. Ist der Weg noch nicht ausgeapert, wie beim folgenden Abstieg durch das nördliche Pfandlschartenkees, helfen die Stangen der Wintermarkierung und Steinmänner. Schwierig wird es dann noch einmal durch die Hochweiden kurz vor der Trauneralm. Auch hier wuchert oft dichtes Gras über die markierten Steine und Holzpflöcke. Ich denke an die Säumer, die mit ihren Packpferden über Jahrhunderte Salz aus dem Norden über die Hohen Tauern nach Süden gebracht haben, um mit Wein und Gewürzen zurückzukehren und ihren Weg auch ohne die heute gewohnten Wegweiser fanden. Die Trauneralm liegt an einem solchen alten Säumerweg. Die stolze komfortable Hütte wurde 1890 in der Zeit des aufkommenden Bergtourismus erbaut und verlor erst mit dem Bau der Glock-nerhochalpenstraße an Bedeutung. Das Asphaltband windet sich am Osthang des Ferleitentales den Berg hinan und lässt die Hütte unbeachtet links liegen. Im Nachhinein betrachtet ein Glück, der ursprüngliche Charakter der Trauneralm als kleiner nobler Berggasthof blieb so erhalten und wird von den Nachfahren des Erbauers Johann Mayr liebevoll gepflegt und bewirtschaftet. Am Ende der Etappe wartet im Ferleitental noch ein besonderes Naturjuwel. Das Rotmoos, ein für die Zentralalpen seltenes Kalkniedermoor und zudem das größte Moor der Hohen Tauern. Die Landschaft hat fast parkähnlichen Charakter, inmitten weidender Pferde und Kühe mäandert die Fuscher Ache gemächlich durch saftiges blumenbestandenes Grün. Ein ruhevoller Ausklang einer eindrucksvollen Wanderung. Mein persönlicher Zirkel um den Monarch der Tauern mit der Krone aus Eiskristall bleibt unvollendet. Die letzte Etappe von Fusch über die Brandlscharte nach Kaprun hebe ich mir für ein andermal auf, um einen guten Grund zu haben für eine Rückkehr in die mannigfaltige majestätische Landschaft der Hohen Tauern.

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